Presse 12.08.2026

Die Diversifikationsillusion: Warum mehr Aktien im Portfolio nicht automatisch weniger Risiko bedeuten

  • Einzeltiteldiversifikation: Selbst sehr breite Aktien­portfolios können von wenigen Schwer­gewichten dominiert werden 
  • Benchmark-Abhängigkeit: Index­nähe ist kein Beleg für eine ausgewogene Verteilung der Risiken
  • Ökonomische Diversifikation: Entscheidend sind unabhängige Risiko­treiber, nicht allein die Zahl der Aktien  


Hohe Bewertungen und die starke Konzentration auf wenige Technologie- und KI-Unternehmen machen die globalen Aktien­märkte zunehmend anfällig für abrupte Kurs­korrekturen. Darauf haben zuletzt auch Institutionen wie die Europäische Zentral­bank und der Internationale Währungsfonds hingewiesen. Wenn wenige Unternehmen einen immer größeren Teil des Marktes bestimmen, können negative Nachrichten, enttäuschte Rendite­erwartungen oder Kurs­verluste einzelner Titel rasch auf den Gesamt­markt übergreifen. Für Anleger rückt damit eine alte Gretchenfrage in den Vordergrund: „Nun sag, wie hältst Du es mit der Diversifikation?“
 

Wie viele Aktien braucht ein diversifiziertes Portfolio?

Eine weitverbreitete Faust­regel lautet: Je mehr Aktien ein Port­folio enthält, desto besser ist es diversifiziert. Tatsächlich sinkt das unternehmens­spezifische Risiko zunächst deutlich, wenn weitere Titel hinzukommen. Doch allein daraus die Empfehlung abzuleiten, möglichst viele Einzel­aktien in das Portfolio aufzunehmen, greift zu kurz. "Die Zahl der Titel ist zwar relevant, sagt für sich genommen aber noch wenig über die tatsächliche Risiko­streuung aus", sagt Daniel Jakubowski, Head of Equity Portfolio Management bei Assenagon. 

In ihrer aktuellen Assenagon Studie untersuchen Jakubowski und sein Kollege Sebastian Schmider, Head of AI Solutions & Macro Analytics, anhand einer Modell­rechnung über die vergangenen zehn Jahre, wie sich die Diversifikation mit steigender Titel­zahl verändert. Dafür vergleichen die beiden Investment­experten zwei Portfolio­typen: ein nach Markt­kapitalisierung gewichtetes Port­folio und ein Port­folio, in dem sämtliche Aktien gleich­gewichtet sind. Als Benchmark dient ein globales, kapitalisierungs­gewichtetes Anlage­universum aus 1.268 Titeln. Das Ergebnis: Bei beiden Ansätzen nimmt der Diversifikations­effekt mit wachsender Titel­zahl zunächst zu. Wie breit Kapital und Risiken tatsächlich gestreut sind, unterscheidet sich jedoch erheblich.
 

Warum Benchmarknähe keine echte Diversifikation beweist

Kapitalisierungs­gewichtete Port­folios nähern sich mit zunehmender Titelzahl schnell dem breiten Markt an. Wer die größten Index­unternehmen entsprechend ihrer Markt­kapitalisierung hält, bildet automatisch einen erheblichen Teil des Index ab. Eine geringe Abweichung von der Bench­mark bedeutet jedoch nicht zwangs­läufig, dass Kapital und Risiken ausgewogen verteilt sind. Auch ein Portfolio, das sich nahezu im Gleich­lauf mit seinem Vergleichs­index bewegt, kann in hohem Maße von wenigen Unternehmen abhängen. "Entscheidend für ein breit diversifiziertes Portfolio ist nicht allein die Anzahl der Positionen oder der Tracking Error, sondern vor allem das Gewicht der größten Titel und ihr Beitrag zum Gesamt­risiko", so Schmider.

Wie sehr der alleinige Fokus auf die reine Titel­zahl täuschen kann, zeigt der Blick auf das vollständige globale Anlage­universum. Obwohl es in der Modell­rechnung 1.268 Unternehmen umfasst, entfallen im kapitalisierungs­gewichteten Portfolio rund 26 Prozent des Gesamt­gewichts auf lediglich zehn Positionen, die zudem für rund 40 Prozent der Portfolio­varianz verantwortlich sind. "Die Risiko­konzentration kann damit noch ausgeprägter sein als die reine Gewichts­konzentration", konstatiert Jakubowski.
 

Wie Gleichgewichtung Konzentrationsrisiken reduziert

Gleichgewichtete Portfolios zeichnen ein anderes Bild. Da jeder Titel zunächst dasselbe Gewicht erhält, sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Groß­unternehmen deutlich. Im vollständigen Anlage­universum liegt der gemeinsame Anteil der zehn größten Positionen bei weniger als einem Prozent.

Mit zunehmender Titel­zahl entfernt sich ein gleich­gewichtetes Portfolio allerdings stärker vom kapitalisierungs­gewichteten Gesamtindex. Diese Abweichung ist jedoch nicht automatisch ein Zeichen mangelnder Diversifikation. "Sie zeigt vielmehr, dass Benchmark­nähe und Risiko­streuung zwei unterschiedliche Eigenschaften eines Portfolios sind", sagt Schmider.


Drei Dimensionen entscheiden über die Qualität der Diversifikation

Die Studie unterscheidet daher drei Ebenen der Diversifikation, die bei der Portfolio­konstruktion Berücksichtigung finden sollten. Die Einzel­titel­diversifikation beschreibt, wie stark ein Portfolio von einzelnen Unternehmen abhängt. Entscheidend sind neben der effektiven Anzahl der Aktien insbesondere die Gewichtung der größten Positionen und die Ver­teilung der Risiko­beiträge.

Die Benchmark-Abhängigkeit zeigt, welcher Anteil der Portfolio­bewegungen durch den Vergleichs­index erklärt wird. Weder die Nähe zur Bench­mark noch die Abweichung von ihr sind für sich genommen ein Beleg für Diversifikation.

Die Ebene der ökonomischen Diversifikation betrachtet, wie breit ein Portfolio über Länder, Sektoren und Faktoren hinweg aufgestellt ist. Denn auch viele Einzel­titel können ähnlichen wirtschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sein und sich in Stress­phasen entsprechend gleichförmig entwickeln.
 

Was eine wirksame Diversifikation für Anleger ausmacht

Gerade in einem Umfeld anhaltender geo­politischer Unsicherheit, hoher Bewertungen und konzentrierter Aktien­märkte sollten Anleger Diversifikation nicht als bloße Frage der Titelzahl verstehen. "Ein Portfolio mit 250 gezielt ausgewählten und ausgewogen gewichteten Titeln kann besser diversifiziert sein als ein kapitalisierungs­gewichtetes Welt­portfolio mit über 1.000 Einzel­aktien", so die Assenagon Experten. Ausschlaggebend ist nicht die maximal mögliche Zahl an Positionen. Entscheidend ist vielmehr, welche Rendite- und Risiko­treiber bewusst in das Port­folio aufgenommen werden – und welche Konzentrations­risiken möglicherweise unbemerkt entstehen. 

Die Studie in voller Länge lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der Assenagon Equity Insights.

 

Hier können Sie druckfähige Fotos von Daniel Jakubowski und Sebastian Schmider downloaden.


München/Frankfurt, 12. August 2026