Energiepreisschock markiert kein zweites 2022, aber das heutige Inflationsumfeld ist fragiler

- Inflationsstruktur im Wandel: Aktuelle Energiepreissprünge treffen auf hartnäckigen Preisauftrieb im Dienstleistungssektor und höhere Inflationserwartung
- EZB-Debatte wird anspruchsvoller: Wenn marktbasierte Inflationserwartungen steigen, wächst auch der geldpolitische Handlungsdruck
- Konsequenzen für Anleger: Der klassische Aktien-Anleihe-Mix dürfte Inflationsrisiken und Zinsvolatilität nicht ausreichend abfedern
Die jüngste Eskalation im Nahen Osten hat die Inflationsdebatte an den Kapitalmärkten neu entfacht. Kraftstoffe und Heizöl haben sich deutlich verteuert und erhöhen den Preisdruck. So stieg die Inflationsrate in Deutschland im April 2026 auf 2,9 Prozent. Die Energiepreise lagen gut 10 Prozent über dem Vorjahresmonat. Aus Sicht der Investment-Experten von Assenagon greift der schnelle Vergleich mit der Energiekrise 2022 dennoch zu kurz: "Der aktuelle Energiepreisschock fällt bislang milder aus und markiert kein zweites 2022, aber er trifft auf ein deutlich fragileres Inflationsumfeld", sagt Thomas Romig, Geschäftsführer und CIO Multi Asset bei Assenagon. "Für Anleger ist deshalb nicht nur entscheidend, wie stark Energiepreise steigen, sondern ob sich die gegenwärtige Lohn-Preis-Spirale weiter verstärken wird."
Dienstleistungspreise prägen das neue Inflationsumfeld
Das Inflationsumfeld hat sich nach Einschätzung der Assenagon-Experten in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Während Energie über weite Strecken der Jahre 2024 und 2025 sogar disinflationär wirkte und sich Lebensmittel sowie nicht-energetische Industriegüter stabilisierten, blieb die Inflationsrate im Dienstleistungssektor überdurchschnittlich hoch: von 4,4 Prozent im Jahr 2023 und 3,8 Prozent 2024 lag die Teuerungsrate von Dienstleistungen 2025 bei 3,5 Prozent. Zwar fiel die Dienstleistungsinflation im April 2026 auf 2,8 Prozent, eine nachhaltige Trendwende ist angesichts erhöhter Lohndynamiken jedoch noch nicht in Sicht.
"Die Struktur der Inflation hat sich verändert: weg von einem breit angelegten, energie- und warengetriebenen Preisschub, hin zu einem Umfeld, in dem trägere, stärker binnenwirtschaftlich geprägte Dienstleistungen die Entwicklung bestimmen", konstatiert Sebastian Schmider, Head of AI Solutions & Macro Analytics bei Assenagon. Damit steige auch das Risiko, dass Energiepreisanstiege nicht auf einen temporären Preiseffekt beschränkt blieben, so der Experte.
Inflationserwartungen rücken in den Fokus
Auch die marktbasierten Inflationserwartungen signalisieren ein verändertes Regime. In den 2010er-Jahren lagen fünf- und zehnjährige Euro-Inflation-Swaps meist klar unter dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach dem Schock von 2022 beruhigten sie sich zwar wieder, kehrten aber nicht in das alte Niedriginflationsumfeld zurück. Mit der jüngsten Nahost-Eskalation zog vor allem der fünfjährige Swap-Satz erneut an und bewegte sich in Richtung 2,5 Prozent.
Für die EZB ist das eine unbequeme Konstellation: Sie kann Energiepreisschocks nur so lange als temporäre Niveauverschiebung einordnen, wie die Erwartungen verankert bleiben. "Die 2-Prozent-Marke erscheint heute weniger als komfortable Obergrenze denn als Anker mit spürbaren Aufwärtsrisiken", so die Assenagon-Experten.
Implikationen für Anleger
Für Kapitalmarktanleger bedeutet das: Ein Portfolio, das weiterhin auf dauerhaft niedrige und stabile Inflation setzt, unterschätzt aus Sicht von Assenagon ein zentrales Risiko. In der Niedriginflationsphase konnten nominale Staatsanleihen Kursverluste bei Aktien häufig abfedern. Bei höherem Preisdruck und ausgeprägter Zinsvolatilität kann dieser Diversifikationseffekt jedoch deutlich schwächer ausfallen oder sich zeitweise umkehren, wie 2022 zu beobachten war. "Der klassische Mix aus Aktien und Staatsanleihen reicht nicht mehr automatisch aus, um Inflationsrisiken zu kontrollieren. Vielmehr stellt sich zunehmend die Frage: Aktien oder Staatsanleihen?", sagt Romig.
Assenagon sieht deshalb reale Ertragsquellen wie Infrastruktur und Rohstoffe, inflationsindexierte Anleihen, aktive Anleihe- und Durationsstrategien sowie Aktien von Unternehmen mit ausgeprägter Preissetzungsmacht im Vorteil. Schmider ergänzt: "Die strategische Asset-Allokation muss sich nicht neu erfinden. Sie sollte sich aber von der Annahme lösen, dass niedrige Inflation dauerhaft die Basis verlässlicher Diversifikation bildet."
Die Studie in voller Länge finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Assenagon Perspectives.
München/Frankfurt, 20. Mai 2026
