Aktien oder Anleihen: Was passt zu welchem Marktumfeld?

"Aktien oder Anleihen?" klingt nach einer einfachen Wahl. Doch schon der Vergleich kann zu kurz greifen. Ein weltweit gestreutes Aktieninvestment auf der einen Seite und eine Bundesanleihe auf der anderen bilden nicht sämtliche Möglichkeiten dieser beiden Asset-Klassen ab.

Auch Inflation liefert keine eindeutige Antwort. Sie kann Anleihen belasten, zugleich verändern die damit verbundenen Marktanpassungen aber die Bedingungen für eine neue Anlageentscheidung. Nach Kursrückgängen können sich andere Renditechancen ergeben, obwohl die Inflation weiterhin ein Thema ist.

Entscheidend ist deshalb das Zusammenspiel aus persönlichem Anlagehorizont, Verlusttragfähigkeit, konkreter Anlage und Marktphase. Welche Zusammenhänge helfen dabei, Aktien und Anleihen differenziert einzuordnen? 

Anlagehorizont: Wann lohnen sich Aktien oder Anleihen?

Der Anlagehorizont beschreibt den Zeitraum, für den Geld investiert bleiben kann. Für die Abwägung zwischen Aktien und Anleihen ist dabei nicht nur ein geplanter Endtermin wichtig. Ebenso entscheidend ist, ob das Kapital zwischenzeitlich benötigt wird und ob sich Kursverluste finanziell tragen lassen. Ein langfristiger Plan hilft wenig, wenn eine Anlage während eines Kursrückgangs verkauft werden muss.

Langer Anlagehorizont: Wer sein Geld 20 Jahre oder länger anlegen kann, kann die langfristigen Renditechancen von Aktien stärker berücksichtigen. Aber Vorsicht:

  • Keine Risikofreiheit: Auch eine lange Haltedauer macht Aktien nicht risikolos.
  • Globale Diversifikation: Diese Betrachtung bezieht sich auf global diversifizierte Aktienanlagen, nicht auf Einzelaktien.
  • Breite Risikostreuung: Diversifikation bedeutet, das Kapital auf unterschiedliche Anlagen zu verteilen, um Risiken zu streuen. Auch eine breite Streuung schließt Verluste allerdings nicht aus. 

Warum eine lange Haltedauer allein keine Sicherheit bietet, zeigt der japanische Nikkei 225. 

Der Index ist zwar nicht weltweit gestreut, umfasst aber die Aktien von 225 ausgewählten japanischen Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen. Japan war 1989, gemessen am nominalen Bruttoinlandsprodukt in US-Dollar, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. 

Am 29. Dezember 1989 erreichte der Nikkei 225 einen damaligen Rekordschlussstand von 38.915,87 Punkten. Danach kam es zu erheblichen Kursverlusten. Bis der Index seinen alten Höchststand wieder übertraf, vergingen mehr als 34 Jahre: Erst am 22. Februar 2024 schloss er mit 39.098,68 Punkten auf einem neuen Rekordniveau. 

Das Beispiel verdeutlicht: Selbst bei einer Streuung über viele Unternehmen einer großen Volkswirtschaft können Kursverluste über Jahrzehnte bestehen bleiben. Eine lange Haltedauer allein garantiert deshalb nicht, dass sie innerhalb des eigenen Anlagehorizontes aufgeholt werden. Die genannten Indexstände beziehen sich auf den Kursindex in Yen, ohne Dividenden und ohne Inflationsbereinigung. Sie zeigen somit die Kursentwicklung, nicht die Gesamtrendite einer Anlage.

Kürzerer Anlagehorizont: Bei einem kürzeren Anlagehorizont rückt das Risiko von Kursverlusten zu dem Zeitpunkt, an dem das Kapital benötigt wird, stärker in den Fokus. Das bedeutet für die Praxis:

  • Kein Automatismus: Ein kurzer Anlagehorizont macht Anleihen nicht automatisch zur passenden Alternative zu Aktien.
  • Individuelle Prüfung: Auch bei Anleihen muss geprüft werden, ob deren konkrete Eigenschaften und Risiken, beispielsweise Kurs- oder Zinsänderungsrisiken, zum verfügbaren Anlagehorizont passen.

Entscheidend ist damit nicht allein, wie lange investiert werden soll, sondern auch, wie flexibel der Anleger während dieses Zeitraums bleibt und welche Verluste er zwischenzeitlich tragen kann.

Warum ist der Anleihemarkt mehr als Bundesanleihen?

Aktien und Anleihen unterscheiden sich zunächst in der Art des Anspruchs. 

  • Eine Aktie verbrieft einen Unternehmensanteil. 
  • Mit einer Anleihe wird dagegen eine Gläubigerposition begründet, aus der sich Ansprüche nach den vereinbarten Anleihebedingungen ergeben. Herausgeber einer Anleihe können beispielsweise Staaten oder Unternehmen sein. Sie werden als Emittenten bezeichnet.

Diese grundlegende Unterscheidung erklärt aber noch nicht, welche Anlage im konkreten Fall infrage kommt. Wird auf der Aktienseite ein internationaler Aktienindex wie der MSCI World betrachtet, steht dahinter eine Vielzahl von Unternehmen. Eine Bundesanleihe repräsentiert dagegen einen bestimmten staatlichen Emittenten. Der Vergleich stellt somit eine breit angelegte Aktienbetrachtung einer begrenzten Auswahl aus dem Anleihemarkt gegenüber. 

Der Anleihemarkt umfasst unterschiedliche Segmente und Nischen. Ihre Renditechancen und Risiken lassen sich nicht pauschal mit denen einer Bundesanleihe gleichsetzen. In einzelnen Bereichen können zudem Marktineffizienzen und besondere Anlagemöglichkeiten auftreten. Daraus folgt allerdings keine allgemeine Bevorzugung solcher Bereiche und keine Gleichsetzung ihrer Chancen mit denen von Aktien.

Für einen aussagekräftigen Vergleich muss deshalb zunächst klar sein, welche Aktienanlage und welche Anleihen einander gegenübergestellt werden. Eine Einschätzung zu Bundesanleihen beantwortet nicht automatisch die Frage nach anderen Anleihen. Umgekehrt lässt sich aus einer interessanten Möglichkeit in einem einzelnen Segment kein Urteil über den gesamten Anleihemarkt ableiten. 

Wie wirken Inflation und steigende Zinsen auf Anleihen?

Inflation kann Anleihen auf zwei unterschiedlichen Ebenen belasten. Die erste betrifft die Kaufkraft des angelegten Vermögens. Die zweite betrifft mögliche Veränderungen des Marktpreises. Beide Effekte können gleichzeitig auftreten, sollten aber nicht miteinander verwechselt werden.

  • Kaufkraftverlust: Für die erste Ebene ist die Unterscheidung zwischen nominal und real wichtig. Nominal bezeichnet einen Geldbetrag ohne Berücksichtigung der Preisentwicklung. Die reale Betrachtung berücksichtigt dagegen seine Kaufkraft. Steigt das allgemeine Preisniveau, lassen sich mit einem unveränderten Betrag weniger Waren und Dienstleistungen erwerben.

    Bei einer Anleihe mit nominal festgelegten Zahlungen kann deshalb die Kaufkraft der Zinsen und der späteren Rückzahlung sinken. Der nominale Zahlungsanspruch wird durch Inflation allein nicht kleiner. Sein wirtschaftlicher Wert für den Anleger verändert sich jedoch, weil das Geld weniger kaufen kann. Zinszahlungen können diesem Kaufkraftverlust entgegenwirken, gleichen ihn aber nicht zwangsläufig vollständig aus. 

  • Zinsbedingte Kursverluste: Die zweite Ebene betrifft den Anleihekurs, also den Marktpreis des Wertpapiers. Zentralbanken können auf steigende Inflation mit Zinserhöhungen reagieren. Steigen die für vergleichbare Anleihen maßgeblichen Marktzinsen, kann dies bestehende festverzinsliche Anleihen unter Druck setzen. Bieten neue, vergleichbare Anleihen eine höhere Verzinsung, verliert eine bestehende Anleihe mit niedrigerer fester Verzinsung relativ an Attraktivität.

    Ihr Kurs kann deshalb fallen, ohne dass sich die vereinbarten Zinszahlungen ändern. Die Möglichkeit solcher Kursverluste infolge veränderter Zinsen wird als Zinsänderungsrisiko bezeichnet. Für einen Anleger, der während der Laufzeit verkauft, kann sich der niedrigere Marktpreis unmittelbar auf den Verkaufserlös auswirken. 

Der Unterschied ist damit klar: Kaufkraftverlust betrifft den realen Wert der Zahlungen, ein zinsbedingter Kursverlust den Marktpreis der Anleihe. Allerdings ist hohe Inflation nicht dasselbe wie weiter steigende Inflation. Aus einem hohen Inflationsniveau folgt daher nicht automatisch, dass weitere Zinserhöhungen und zusätzliche Kursverluste bevorstehen. Entscheidend ist auch, welche Anpassungen bereits stattgefunden haben.

Warum können Anleihen trotz Inflation wieder interessant werden?

Nach einer Marktanpassung ist die Ausgangslage nicht mehr dieselbe wie zuvor. Eine Anleihe, deren Kurs gefallen ist, kann zu einem niedrigeren Preis erworben werden. Dadurch verändert sich das Verhältnis zwischen dem eingesetzten Kapital und den vereinbarten künftigen Zahlungen. Genau hier liegt der Perspektivwechsel zwischen einer Belastung bestehender Anlagen und den Bedingungen für einen späteren Kauf.

Um diesen Zusammenhang zu verstehen, müssen Kupon und Anleiherendite getrennt betrachtet werden.

  • Kupon: Der Kupon bezeichnet den vereinbarten Zinssatz auf den Nennwert, also den festgelegten Bezugsbetrag einer Anleihe. Bei einer Anleihe mit festem Kupon bleibt dieser Zinssatz unverändert, auch wenn ihr Marktpreis schwankt.
  • Anleiherendite: Die Rendite bis zur Fälligkeit berücksichtigt dagegen neben den Zinszahlungen auch den Kaufpreis, die verbleibende Laufzeit und die vorgesehene Rückzahlung. 

Sinkt der Kaufpreis bei ansonsten unveränderten vereinbarten Zahlungen, steigt die daraus berechnete Rendite. Dafür muss der Kupon nicht erhöht werden. Ein Kursrückgang kann somit eine bereits gehaltene Position belasten und zugleich die rechnerische Rendite einer Anlage zum niedrigeren Kurs erhöhen. Darin liegt kein Widerspruch: Betrachtet werden unterschiedliche Ausgangspreise.

Zinsanpassungen und Verkaufsdruck können die Bedingungen am Anleihemarkt auf diese Weise deutlich verändern. Dann können einzelne Anleihen neu zu beurteilen sein, obwohl das Umfeld weiterhin von Inflation geprägt ist. Die Frage lautet nicht mehr nur, ob Inflation Anleihen belastet, sondern auch, welche Renditechancen nach den bereits erfolgten Anpassungen bestehen. 

Das bedeutet nicht, dass jede höhere Anleiherendite den Kaufkraftverlust ausgleicht. Ebenso wenig beweist ein gefallener Kurs, dass eine Anleihe günstig oder risikoarm ist. Eine berechnete Rendite ist kein garantiertes Anlageergebnis. Ob die vereinbarten Zahlungen tatsächlich geleistet werden und zu welchem Kurs ein möglicher Verkauf erfolgt, bleibt für das Ergebnis wesentlich.

Aus diesem Zusammenhang lässt sich deshalb keine automatische Kaufregel ableiten. Marktanpassungen können unterschiedlich schnell und stark verlaufen. Ein erfolgter Zinsanstieg oder Kursrückgang zeigt für sich genommen nicht zuverlässig an, dass die Anpassung abgeschlossen ist. Inflation ist damit weder ein pauschales Ausschlusskriterium für Anleihen noch ein Signal, nach bestimmten Marktbewegungen zwangsläufig einzusteigen.

Wie lassen sich Aktien und Anleihen gemeinsam einsetzen?

Die langfristige Betrachtung von Aktien und die gezielte Beurteilung einzelner Anleihesegmente schließen sich nicht aus. Beide Asset-Klassen können gemeinsam in einem Portfolio eingesetzt werden. Multi Asset-Strategien verfolgen diesen klassenübergreifenden Ansatz, indem sie verschiedene Anlagen miteinander verbinden. Neben Aktien und Anleihen können dabei weitere Anlagen berücksichtigt werden.

Damit verändert sich die Ausgangsfrage. Es geht nicht mehr darum, Aktien oder Anleihen grundsätzlich zum Gewinner zu erklären. Stattdessen steht im Mittelpunkt, welche Rolle die jeweiligen Anlagen im Portfolio übernehmen können. Ihre Gewichtungen können je nach Ausgestaltung der Strategie verändert werden, anstatt dauerhaft eine der beiden Asset-Klassen auszuschließen.

Daraus ergibt sich jedoch keine allgemeingültige Aktien- oder Anleihequote. Ebenso wenig garantiert eine flexible Steuerung, dass jede Marktphase richtig eingeschätzt oder stets der günstigste Zeitpunkt getroffen wird. Sie ermöglicht unterschiedliche Portfolio-Ausrichtungen, ersetzt aber nicht die sorgfältige Abwägung von Anlagehorizont, Verlusttragfähigkeit und konkreten Anlagemöglichkeiten.

Aktien oder Anleihen: Entscheidend ist die konkrete Ausgangslage

Ein sehr langer Anlagehorizont, globale Streuung und die Fähigkeit, zwischenzeitliche Verluste zu tragen, sprechen dafür, die Chancen von Aktien zu berücksichtigen. Anleihen lassen sich dagegen weder auf Bundesanleihen reduzieren noch allein anhand des Inflationsniveaus beurteilen. Ihre Vielfalt und die bereits erfolgten Marktanpassungen gehören zur Abwägung.

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Was bestehende Anleihen belastet, kann die Bedingungen für eine spätere Anlage verändern. Deshalb führt die Frage nach einem grundsätzlichen Entweder-oder weniger weit als die Betrachtung, welche konkreten Anlagen zum verfügbaren Zeitraum, zu den tragbaren Risiken und zur jeweiligen Marktphase passen. 

Mischfonds und Multi Asset-Fonds bündeln verschiedene Anlageklassen in einer Fondslösung. Wie breit das Anlagespektrum ist und wie flexibel die Gewichtungen gesteuert werden, hängt von der jeweiligen Strategie ab. Mehr dazu erfahren Sie im Beitrag "Mischfonds vs. Multi Asset-Fonds".

 

 

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