Perspectives 20.05.2026

Energiepreise treffen auf ein fragileres Inflationsumfeld

PERSPECTIVES | Nr. 39

  • Inflationsrisiken sind zurück: Die Eskalation im Nahen Osten treibt Energiepreise und rückt die Verwundbarkeit des Preisumfelds in den Fokus.
  • Fragileres Umfeld: Der Energiepreisschock fällt bislang milder aus als 2022, trifft aber auf eine deutlich instabilere Inflationsstruktur.
  • Anleger müssen umdenken: Der klassische Mix aus Aktien und nominalen Staatsanleihen dürfte kaum ausreichen, um Inflationsrisiken wirksam abzufedern.

Mit der jüngsten Eskalation im Nahen Osten rücken Inflations­risiken wieder stärker in den Fokus der Kapital­märkte. Kraftstoffe und Heizöl haben sich deutlich verteuert und erhöhen den Preis­druck spürbar. Im April 2026 stieg die Inflationsrate in Deutschland auf 2,9 Prozent. Die Energie­preise lagen sogar gut 10 Prozent über dem Vorjahres­monat und verzeichneten damit den stärksten Anstieg seit Februar 2023.

Auf den ersten Blick liegt der Vergleich mit der Energie­krise 2022 nahe: Ein geopolitischer Schock, eine Angebots­verknappung und steigende Energiepreise. Allerdings greift dieser Vergleich zu kurz. Bislang fällt der aktuelle Energiepreisschock milder aus als im Jahr 2022. Insbesondere der Anstieg der Gas­preise bleibt deutlich hinter den damaligen Extremwerten zurück. Zudem hat die EZB ihre ultra-expansive Geldpolitik zurückgefahren; die Geldmenge wächst vergleichsweise langsam. Damit fallen zwei zentrale Preistreiber von damals – zumindest in ihrer früheren Intensität – weg.

Vor diesem Hintergrund wird vielfach argumentiert, dass der aktuelle Energiepreis­schock vor allem Einmal­effekte auf das Preisniveau aus-lösen dürfte. Aus unserer Sicht ist dennoch Vorsicht geboten. Der entscheidende Unterschied liegt weniger im Schock selbst als im Umfeld, auf das er trifft. Anders als vor der Pandemie, als die Inflations­raten über Jahre unter dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB lagen, gibt es heute keine vergleichbar verlässliche Preis­stabilität mehr. Damit stellt sich weniger die Frage, ob ein neuer Preis­schock allein eine Phase hoher Inflation auslösen kann. Entscheidend ist vielmehr, ob das heutige Inflations­umfeld stabil genug ist, um einen solchen Schock ohne er-neuten Druck auf Lohn- und Preissetzungs­prozesse sowie Inflations­erwartungen zu verkraften.

Abbildung 1: Harmonisierter Verbraucherpreisindex und seine Komponenten
Deutschland, Quartalsdurchschnitte in %

Dienstleistungspreise prägen das neue Inflationsumfeld


Diese veränderte Ausgangs­lage zeigt sich vor allem in der Zusammen­setzung der Teuerung (siehe Abbildung 1). Während die Inflations­beiträge von Lebensmitteln, nicht-energetischen Industrie­gütern, Energie und Dienstleistungen in den 2010er-Jahren vergleichsweise stabil blieben, veränderten Pandemie und Energiekrise dieses Muster deutlich. Der Energiepreis­schock der Jahre 2022 und 2023 trieb zunächst die Gesamt­inflation, mit Verzögerung griff der Preisdruck auch auf Nahrungs­mittel und nicht-energetische Industrie­güter über. Inzwischen ist der direkte Energie­effekt deutlich kleiner; über weite Strecken der Jahre 2024 und 2025 wirkte Energie sogar disinflationär. Auch die Preise für Lebens­mittel und nicht-energetische Industrie­güter haben sich weit­gehend stabilisiert. Auffällig bleibt dagegen der Beitrag der Dienst­leistungen. Nach 4,4 Prozent im Jahr 2023 und 3,8 Prozent im Jahr 2024 verteuerten sie sich auch 2025 mit 3,5 Prozent weiterhin überdurchschnittlich. Diese Persistenz spiegelt neben steigenden Mieten vor allem den verzögerten Durchschlag kräftiger Lohn­steigerungen wider. Zuletzt zeigte sich allerdings eine leichte Beruhigung: Im April 2026 fiel die Dienstleistungsinflation auf 2,8 Prozent zurück. Ob dies bereits eine nachhaltige Trendwende markiert, bleibt offen; die weiterhin erhöhten Lohn­dynamiken sprechen eher für eine vorsichtige Einordnung.

Im Ergebnis hat sich die Inflations­struktur in den letzten Jahren verschoben: weg von einem breit angelegten, energie- und warengetriebenen Preisschub, hin zu einem Umfeld, in dem trägere, stärker binnen­wirtschaftlich geprägte Dienst­leistungen die Inflations­entwicklung bestimmen. Damit steigt das Risiko, dass Energiepreis­anstiege nicht auf einen temporären Preiseffekt begrenzt bleiben. Je länger Dienstleistungs­inflation und Lohn­wachstum erhöht bleiben, desto eher können neue Kostenschocks in Preis- und Lohnsetzungs­prozesse einfließen.

Abbildung 2: Markterwartungen zur mittel- und langfristigen Inflation in der Eurozone
Euro-Inflation-Swaps in %

Die Folgen der Eskalation im Nahen Osten


Mit dem Energiepreis­schock 2022 schnellten die Erwartungen zeitweise auf über 3 Prozent nach oben und entkoppelten sich vorüber­gehend vom Inflations­ziel. In der anschließenden Phase von 2023 bis 2025 kam es zwar zu einer Beruhigung. Allerdings fanden die Erwartungen nicht in das alte Niedrig­inflations­regime zurück. Stattdessen pendelten sich die Swap-Sätze nahe der 2-Prozent-Marke ein und lagen damit deutlich oberhalb des Niveaus der 2010er Jahre.

Mit der jüngsten Eskalation im Nahen Osten haben die marktbasierten Inflations­erwartungen erneut angezogen. Insbesondere der fünfjährige Swap-Satz bewegt sich wieder in Richtung 2,5 Prozent. Damit deuten auch die Markt­erwartungen auf eine Verschiebung des Inflations­niveaus hin; zugleich verlangen Investoren wieder eine höhere Kompensation für ein unsichereres Preis­umfeld. Die 2-Prozent-Marke erscheint heute weniger als komfortable Obergrenze denn als Anker mit spürbaren Aufwärts­risiken.

 

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Für Kapitalmarktanleger


Der aktuelle Energiepreis­schock ist zwar kein zweites 2022, trifft aber auf ein Inflations­umfeld, das durch hartnäckige Dienstleistungs­preise und erhöhte Inflations­erwartungen deutlich weniger stabil erscheint als vor der Pandemie. Für die EZB ist das eine unbequeme Entwicklung. Solange Inflations­erwartungen verankert bleiben, kann sie Energiepreis­schocks eher als temporäre Niveau­verschiebung einordnen. Je stärker diese Verankerung jedoch infrage steht, desto größer wird der geldpolitische Handlungs­druck.

Investoren sollten die Möglichkeit einer mittelfristig erhöhten Inflation oberhalb des EZB-Ziels stärker berücksichtigen. In Zeiten niedriger und stabiler Inflation konnten Staats­anleihen Kurs­verluste bei Aktien häufig abfedern. Bei fortgesetztem Preis­druck und hoher Zins­volatilität kann dieser Diversifikations­effekt jedoch deutlich schwächer ausfallen oder sich zeitweise sogar umkehren – wie bereits 2022 zu beobachten war. Der klassische Mix aus Aktien und nominalen Staats­anleihen dürfte daher kaum ausreichen, um Inflations­risiken abzufedern. An Bedeutung gewinnen können reale Ertrags­quellen wie Infrastruktur und Rohstoffe, inflations­indexierte Anleihen, aktive Anleihe- und Durations­strategien sowie Aktien von Unternehmen mit ausgeprägter Preissetzungs­macht. Die strategische Asset-Allokation muss sich deshalb nicht neu erfinden. Sie sollte sich jedoch von der Annahme lösen, dass niedrige und stabile Inflation dauerhaft die Grundlage für verlässliche Diversifikations­effekte zwischen Aktien und Anleihen bildet. 

 

Dieser Artikel ist zuerst online erschienen am 18.05.2026 in der Börsen-Zeitung.
 

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