Globale Ungleichgewichte als Machtfaktor
PERSPECTIVES | Nr. 40


- Leistungsbilanzsalden als geopolitischer Machtfaktor: Wie Überschüsse und Defizite wechselseitige Abhängigkeiten schaffen
- Die USA und China als voneinander abhängige Antagonisten: Weshalb sich Europa in einem strategischen Dilemma befindet
- Der neue Merkantilismus verändert die Kapitalanlage: Was das für Anleger bedeutet
Warum Leistungsbilanzsalden zu geopolitischen Machtfaktoren werden
Als China 2025 Exportkontrollen für Seltene Erden verhängte, standen in Teilen der europäischen Industrie zeitweise die Bänder still. Die Episode zeigt: Leistungsbilanzsalden und Kapitalströme, lange ein Spezialthema der Außenwirtschaft, sind zu einer Frage strategischer Abhängigkeiten und wirtschaftspolitischer Macht geworden. Die globalen Ungleichgewichte nehmen wieder zu – und rücken damit auch für Anleger neben Wachstum, Inflation, Zinsen und Gewinnen stärker in den Fokus.
Die politische Reaktion auf diese Spannungen ist ein neuer Merkantilismus. Er knüpft an den klassischen Merkantilismus an, der durch weitreichende staatliche Eingriffe die nationale Produktions- und Exportkraft stärken wollte. Heute stehen dafür Zölle, Subventionen, Exportkontrollen, Währungssteuerung und Vorgaben für die lokale Produktion zur Verfügung. Nicht mehr allein Kosten und Wettbewerbsfähigkeit entscheiden über die globale Arbeitsteilung; Regierungen greifen verstärkt in Handels- und Kapitalströme ein.
Abbildung 1: Leistungsbilanzsalden ausgewählter Länder
in Mrd. US-Dollar

Die größten Hebel besitzen China und die USA – allerdings auf unterschiedlichen Seiten der wirtschaftlichen Beziehung. China verfügt über enorme industrielle Kapazitäten und starke Positionen in wichtigen Lieferketten und bei strategischen Rohstoffen. Damit kann das Land das globale Angebot beeinflussen. Die USA verfügen dagegen über einen der wichtigsten Absatzmärkte, mit dem US-Dollar über die wichtigste globale Reservewährung und den größten Kapitalmarkt der Welt. Sie stellen damit nicht nur Nachfrage bereit, sondern bieten zugleich ein Anlageziel für die Ersparnisüberschüsse anderer Länder.
Daraus entsteht eine wechselseitige Abhängigkeit. Chinas Überschussmodell setzt voraus, dass andere Volkswirtschaften – insbesondere die USA – entsprechende Defizite akzeptieren und chinesische Güter nachfragen. Umgekehrt werden diese Defizite durch Kapitalzuflüsse aus den Überschussländern mitfinanziert; der Gläubiger besitzt daher nicht automatisch die stärkere Position. Denn weltweit müssen sich Überschüsse und Defizite ausgleichen: Überschussländer exportieren nicht nur Güter, sondern zugleich Kapital; Defizitländer nehmen es auf und stellen die Nachfrage bereit, ohne die keine Überschüsse entstünden.
Chinas Überschuss: Stärke und Abhängigkeit zugleich
Chinas Hebel liegt auf der Angebotsseite. Der chinesische Leistungsbilanzüberschuss erreichte 2025 mit rund 735 Milliarden Dollar einen historischen Höchststand; dem standen Netto-Kapitalexporte in ähnlicher Größenordnung gegenüber. Der Überschuss ist strukturell bedingt: Das chinesische Modell, das auf Investitionen und Exporte statt auf privaten Konsum setzt, hält die Sparquote hoch und die Haushaltsnachfrage niedrig. Staatliche Förderung und der Aufbau großer Kapazitäten haben chinesischen Unternehmen zugleich starke Positionen in Zukunftstechnologien verschafft, mit denen sie Marktanteile gewinnen und Preise drücken. Der Überschuss zeigt aber auch die Schwäche des Modells: Die Binnennachfrage hält mit der Produktion nicht Schritt, ein erheblicher Teil der Erzeugung muss im Ausland abgesetzt werden. Verstärkt wird dieses Ungleichgewicht durch die Immobilienkrise: Einer der wichtigsten Kanäle für inländische Investitionen verliert an Bedeutung, wodurch der Druck steigt, überschüssige Ersparnisse im Ausland anzulegen. Werden wichtige Märkte abgeschottet, muss China neue Abnehmer finden, den Konsum stärken oder Kapazitäten abbauen. Industrielle Stärke und Abhängigkeit von ausländischer Nachfrage gehen Hand in Hand.
Das US-Defizit als strategischer Hebel
Die USA besetzen die Gegenposition. Ihr Leistungsbilanzdefizit gilt häufig als Ausdruck unzureichender Ersparnis und industrieller Verwundbarkeit. Diese Sicht greift jedoch zu kurz. Die Vereinigten Staaten sind einer der wichtigsten Absatzmärkte und beherbergen zugleich den größten und liquidesten Kapitalmarkt der Welt. Damit können sie den Marktzugang an Bedingungen knüpfen, Anreize für lokale Produktion setzen und strategisch wichtige Technologien kontrollieren. Die zentrale Rolle des US-Dollars und der amerikanischen Finanzinfrastruktur erlaubt es ihnen zudem, einzelne Staaten, Banken und Unternehmen vom Zahlungsverkehr oder von Finanzierungsmöglichkeiten auszuschließen.
Das Leistungsbilanzdefizit ist daher nicht allein Ausdruck unzureichender Ersparnis, sondern auch eine Folge der besonderen Rolle der USA im globalen Handels- und Finanzsystem. Die Ersparnisse der Überschussländer finden dort liquide und als sicher geltende Anlagen in einer Größenordnung, die andere Kapitalmärkte kaum bieten können. Gleichwohl steigen die innenpolitischen Kosten: Wachsende Auslandsverbindlichkeiten, hohe öffentliche Defizite und der Rückgang industrieller Kapazitäten nähren den Eindruck, die bestehende Ordnung gehe zulasten amerikanischer Beschäftigung und Produktion. Entwicklungen, die lange als Begleiterscheinung der Dollar-Dominanz akzeptiert wurden, werden daher zunehmend mit Zöllen und staatlichen Eingriffen beantwortet. Mit der breiten Ausweitung der US-Zölle im Jahr 2025 trat dieser Kurswechsel besonders deutlich hervor: Die Vereinigten Staaten versuchen zunehmend, ihren Marktzugang zu nutzen, um Handelsströme umzulenken und Produktion ins eigene Land zu verlagern.
Europa zwischen den Blöcken
Deutschland und die EU stehen vor einer besonders schwierigen Lage – zumal Deutschland mit seinen hohen Überschüssen und Auslandsvermögen selbst zu den globalen Ungleichgewichten beiträgt. Das deutsche Modell profitierte jahrzehntelang von offenen Märkten und Nachfrage aus China und den USA; diese Grundlage gerät nun unter Druck. Deutsche Unternehmen treffen in China, anderen Schwellenländern und im europäischen Binnenmarkt auf starke Konkurrenz – vor allem in den Kernbranchen Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie und Elektrotechnik. Neben den bekannten Standortproblemen droht ein externer Nachfrageschock, der sich durch niedrigere Energiekosten, Bürokratieabbau und klassische Reformen allein kaum ausgleichen dürfte.
Europa steht deshalb vor einem strategischen Dilemma. Offene Märkte bleiben ökonomisch vorteilhaft. Wenn China und die USA jedoch ihre heimische Produktion gezielt fördern, strategische Sektoren abschotten und staatlich gestützte chinesische Überkapazitäten auf den europäischen Markt drängen, steigt der Druck auf Europa, protektionistischen Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Nicht zu reagieren hieße, den Verlust industrieller Substanz in Kauf zu nehmen. Protektionismus und gezielte Industriepolitik werden damit weniger zur freien Wahl als zur Antwort auf veränderte Spielregeln.
Was der neue Merkantilismus für Anleger und Kapitalmärkte bedeutet
Für Investoren bedeutet der neue Merkantilismus, dass geopolitische Risiken stärker in die Bewertung einfließen. Neben Wachstum, Margen und Bewertung gewinnt die Frage an Bedeutung, wie ein Geschäftsmodell innerhalb der entstehenden Wirtschaftsblöcke positioniert ist.
Unternehmen mit regional diversifizierten Umsätzen, robusten Lieferketten und der Fähigkeit zur lokalen Produktion dürften an Bedeutung gewinnen. Stärker unter Druck stehen dagegen Geschäftsmodelle, die von einzelnen Absatzmärkten, grenzüberschreitenden Lieferketten oder globalen Skaleneffekten abhängig sind.
Zugleich könnten höhere Staatsausgaben, teurere Produktion und geringere wirtschaftliche Effizienz den Inflationsdruck und die Laufzeitprämien erhöhen. Bei Währungen steigt die Anfälligkeit vor allem dort, wo Leistungsbilanzdefizite auf volatile Kapitalzuflüsse treffen, und kein ausgeprägter Reservewährungsstatus besteht.
Im Ergebnis wird Diversifikation anspruchsvoller. Neben Anlageklassen sollten daher auch Regionen, Währungsräume, Absatzmärkte und Lieferketten stärker berücksichtigt werden. Der neue Merkantilismus dürfte die Kapitalmärkte nicht gleichmäßig belasten, sondern die Unterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern vergrößern.



