Perspectives 25.11.2025

Schwacher US-Dollar und hohe Defizite: Rückenwind für Emerging Markets?

PERSPECTIVES | Nr. 36

  • Die Historie zeigt: Wenn der US-Dollar schwächelt, konnten die Emerging Markets stets profitieren.
  • Schuldenlast als Warnsignal: In vielen Industrieländern wird die Haushaltsfinanzierung wichtiger als die Preisstabilität.
  • Viele Emerging Markets präsentieren sich aktuell als diszipliniertere Schuldner und gewinnen Vertrauen der Investoren.

Auf dem Papier erscheinen Schwellen- und Entwicklungsländer (Emerging Markets, EM) seit Langem als vielversprechende Anlageregionen. Ihre Volkswirtschaften wachsen schneller als jene der Industrieländer, die Bevölkerung ist jünger, die Verschuldung oft niedriger. Hinzu kommen höhere Zinsniveaus und moderat bewertete Aktienmärkte. Gleichwohl hinkten EM-Aktien in den vergangenen fünfzehn Jahren deutlich hinterher. Nun deutet sich eine Wende an: Der MSCI Emerging Markets Index legte dieses Jahr bis Ende Oktober um rund 33 Prozent zu, während der MSCI World Index, der die Industrieländer umfasst, lediglich 20 Prozent gewann. Zwei Punkte dürften wesentlich zu dem verbesserten Anlageumfeld beigetragen haben: Ein deutlich schwächerer US-Dollar und eine wachsende fiskalische Dominanz in den Industrieländern.
 

Wenn der Dollar schwächelt, atmen die Schwellenländer auf


Die Entwicklung der Schwellenländer ist seit jeher eng mit dem Dollar verknüpft. Gewinnt die US-Währung an Stärke, geraten EM-Anlagen unter Druck; verliert der Dollar an Wert, gewinnen sie an Attraktivität. Diese inverse Beziehung ist historisch gut dokumentiert. Als der Dollar Mitte der 2010er Jahre infolge der geldpolitischen Straffung durch die Federal Reserve kräftig aufwertete, blieben EM-Aktien weit hinter den Industrieländern zurück. In Phasen der Dollar-Schwäche, etwa zu Beginn der 2000er Jahre, erzielten sie hingegen deutliche Überrenditen.

EM-Performance im Takt des US-Dollars

31.01.2000=1, US-Dollar-Index (DXY) invertiert auf rechter Seite, relative Performance gemessen als Quotient von MSCI EM und MSCI World

Die Mechanismen dahinter sind vielschichtig. Ein schwächerer Dollar veranlasst globale Investoren, außerhalb der USA nach Rendite zu suchen. Kapital fließt in Folge in die Schwellenländer und verbessert dort Liquidität und Refinanzierungsmöglichkeiten. Für Staaten mit hohen Dollarschulden sinken zudem die Rückzahlungskosten in lokaler Währung, wodurch sich fiskalische Spielräume öffnen. Export­orientierte Volkswirtschaften profitieren doppelt: Da Rohstoffe oft in US-Dollar notiert sind, steigt bei einem schwächeren Greenback die Kaufkraft von Abnehmern außerhalb des Dollarraums – die Nachfrage zieht an und Rohstoffpreise sowie Exporterlöse steigen. Gleichzeitig können Importpreise sinken, was den Inflationsdruck dämpft und den Zentralbanken in den Schwellenländern eine weniger restriktive Geldpolitik erlaubt.
 

Fiskalische Dominanz als neues Risiko in den Industrieländern


Doch der schwache Dollar erklärt nur einen Teil der Dynamik. Ebenso bedeutsam ist, was sich auf der anderen Seite des globalen Finanz­systems abspielt: in den Industrieländern selbst. Dort zeichnet sich zunehmend eine Phase fiskalischer Dominanz ab. In den USA, in Groß­britannien und in Teilen der Eurozone ist die Staatsverschuldung so hoch, dass die Zentralbanken ihre Geldpolitik nicht mehr allein an Inflation und Konjunktur ausrichten können, sondern zunehmend Rücksicht auf die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen nehmen müs­sen. Steigende Finanzierungskosten setzen Regierungen unter Druck und zwingen die Währungshüter dazu, durch niedrigere Zinsen Ent­lastung zu schaffen – auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit bei der Inflationsbekämpfung. Das politische Ringen um Zinssenkungen, zuletzt sichtbar in den öffentlichen Aufforderungen von Präsident Trump an die Federal Reserve, verdeutlicht, wie sehr sich die Prioritäten verschoben haben. Für Investoren ist das ein Warnsignal: Wenn Haushaltsfinanzierung wichtiger wird als Preisstabilität, können Kapitalmärkte ins Wanken geraten.

Staatverschuldung in erster Linie ein Problem der Industrieländer
BIP-gewichtete Staatschuldenquoten in %, Schwellenländer ohne China, Türkei und Argentinien

Ironischerweise sind es ausgerechnet die Schwellenländer, die einst für fiskalische Instabilität standen, die aus dieser Entwicklung gestärkt hervorgehen. Nach Jahren harter Anpassung und restriktiver Geldpolitik weisen sie heute überwiegend solide Bilanzen auf. Während die großen Industrieländer unter wachsender fiskalischer Belastung leiden, präsentieren sich viele Emerging Markets als diszipliniertere Schuldner – und gewinnen so neues Vertrauen der Investoren.
 

 MULTI ASSET IM PORTRÄT
 

Für Kapitalmarktanleger


Historisch betrachtet war ein schwächerer US-Dollar stets eine Unterstützung für Schwellenländer – und vieles spricht dafür, dass sich dieses Muster fortsetzt. Mit den absehbaren Zinssenkungen der US-Notenbank dürfte der Dollar weiter an Wert verlieren. Zugleich stehen viele Emerging Markets fiskalisch auf festem Fundament. Damit könnten sich die globalen Kapitalströme weiter zu ihren Gunsten verschie­ben. Niedrigere Refinanzierungskosten, steigende Rohstoffnachfrage und die hohe Schuldenlast der Industrieländer machen Investitionen in die Emerging Markets nach mehr als einem Jahrzehnt relativer Schwäche wieder attraktiv. Es bleiben aber auch Risiken bestehen: poli­tische Unsicherheiten, länderspezifische Probleme oder externe Schocks können die Entwicklung jederzeit bremsen. Doch der Grundton ist ein anderer als früher: Sollte der Dollar weiter schwächeln und die fiskalische Dominanz in den großen Volkswirtschaften Überhand nehmen, könnten die Schwellenländer nicht nur auf kurze Sicht profitieren, sondern langfristig aus dem Schatten der Industrieländer treten.