Dispersion hat immer Saison
VOLATILITY SPOTLIGHT | Oktober 2026


- Die Berichtssaison eröffnet regelmäßig Ertragschancen für Dispersionsstrategien.
- Unsere Analyse zeigt: Während der Berichtssaison liegt die realisierte Dispersion im Schnitt 30 bis 40 Prozent höher als außerhalb dieser Phasen.
- Der Kalender der Unternehmensberichte liefert Impulse unabhängig von aktuellen Aktienkursen und Zinsniveaus.
Für Anleger sind die quartalsweisen Berichtssaisons ein wiederkehrender Treiber der Dispersion und damit eine strukturelle Quelle von Ertragschancen. Viermal im Jahr veröffentlichen Unternehmen in den USA ihre Geschäftszahlen und aktualisieren ihre Prognosen. Diese Ereignisse folgen einem eigenen Kalender – unabhängig davon, wo Aktienkurse und Anleiherenditen gerade stehen oder in welche Richtung sich die Finanzmärkte aktuell bewegen. Wer diese unternehmensspezifischen Impulse gezielt nutzt, kann eine Ertragsquelle erschließen, die keine bestimmte Richtung des Gesamtmarktes voraussetzt.
Dispersion bezeichnet die Streuung der Renditen einzelner Aktien innerhalb eines Marktes oder Index. Sie beschreibt, wie stark sich die Kursentwicklungen der Unternehmen voneinander unterscheiden. Gerade in der Berichtssaison werden Erwartungen bestätigt, übertroffen oder enttäuscht: Während eine Aktie von unerwartet guten Geschäftszahlen profitieren kann, gerät eine andere nach einem schwächeren Ausblick womöglich unter Druck. Solche unternehmensspezifischen, sogenannten idiosynkratischen Kursbewegungen können die Dispersion erhöhen, selbst wenn sich der Gesamtindex nur wenig bewegt.
Neben Konjunkturdaten, geldpolitischen Entscheidungen und geopolitischen Entwicklungen sind die Quartalsberichte der Unternehmen selbst ein eigener Treiber von Volatilität. Die Berichtssaisons schaffen regelmäßig neue Anlässe für unterschiedliche Kursreaktionen. Wie sich dieser Rhythmus in den Einzelaktienbewegungen und der Dispersion zeigt und welche Chancen daraus für Anleger entstehen, untersuchen wir in dieser Ausgabe unserer Volatility Spotlights.
Quartalsergebnisse lösen deutliche Kursbewegungen bei Einzelaktien aus
Unsere Analyse von zehn großen US-Technologieaktien verdeutlicht, welchen Einfluss die Veröffentlichung von Quartalsergebnissen hat. Wir vergleichen die durchschnittlichen absoluten täglichen Kursbewegungen rund um die Quartalszahlen mit denen regulärer Handelstage. An Berichtstagen beträgt die Bewegung im Durchschnitt rund 6,3 Prozent, gegenüber rund 1,8 Prozent an regulären Handelstagen.
Die durchschnittliche Bewegung fällt damit rund 3,5-mal so hoch aus wie an regulären Handelstagen.
Abbildung 1 zeigt, wie stark sich die untersuchten Aktien nach der Veröffentlichung ihrer Quartalszahlen bewegen. Dafür werden die absoluten Kursbewegungen je Quartal über alle Unternehmen addiert. Die gestrichelte Linie zeigt zum Vergleich die Summe ihrer durchschnittlichen absoluten Bewegungen an einem regulären Handelstag. Der Unterschied ist über viele Berichtsperioden hinweg deutlich: Quartalszahlen sorgen regelmäßig für besonders starke Kursreaktionen.
Abbildung 1: Ausgeprägte Einzelaktienbewegungen nach Quartalszahlen
Je Quartal aufsummierte absolute Kursbewegungen ausgewählter großer US-Technologieaktien nach Ergebnisveröffentlichungen, aufgeteilt nach Unternehmen. Gestrichelte Linie: Summe der durchschnittlichen absoluten Kursbewegungen an einem regulären Handelstag. Dargestellter Zeitraum: Q4/2012 bis Q2 /2026.

Die Dispersion folgt dem Rhythmus der Berichtssaisons
Der Kalender der Unternehmensberichte beeinflusst sowohl die realisierte als auch die implizite, also vom Optionsmarkt eingepreiste Dispersion. Letztere steigt typischerweise vor der Berichtssaison an und geht im Verlauf der Veröffentlichungen wieder zurück. Bei Optionen mit kurzen Laufzeiten sind diese saisonalen Bewegungen meist bereits eingepreist. Dispersionsstrategien mit längeren Laufzeiten können die wiederkehrenden unternehmensspezifischen Impulse über mehrere Berichtssaisons hinweg als strukturelle Ertragsquelle nutzen. Entscheidend bleibt dabei die relative Bewertung von Einzelaktien- und Indexvolatilität. Diese sachgerecht einzuschätzen, erfordert spezialisiertes Know-how und ermöglicht es erfahrenen Managern, attraktive Ertragschancen zu erkennen und gezielt zu nutzen.
Abbildung 2 zeigt den saisonalen Verlauf der rollierenden 30-Tage-Dispersion der 50 größten Unternehmen im S&P 500®. Die grauen Linien zeigen die realisierte Dispersion der einzelnen Jahre seit 2005, während die blaue Linie den historischen Durchschnitt der realisierten Dispersion darstellt. Die orange Linie stellt die durchschnittliche implizite Dispersion, also den Marktpreis der Dispersion, dar. Im Durchschnittsverlauf der realisierten Dispersion ist ein wiederkehrender Anstieg im Umfeld der quartalsweisen Berichtssaisons erkennbar. Die unterschiedlichen Verläufe der Einzeljahre zeigen zugleich, dass makroökonomische Ereignisse und Marktstress das saisonale Muster verstärken oder überlagern können. Auch die implizite Dispersion zeigt einen ausgeprägten saisonalen Verlauf, der dem rückblickenden Verlauf der realisierten Dispersion typischerweise vorausläuft.
Abbildung 2: Wiederkehrender Anstieg der Dispersion im Umfeld der Berichtssaisons
Saisonaler Verlauf der rollierenden 30-Tage-Dispersion der 50 größten S&P 500®-Unternehmen. Historische Einzeljahre der realisierten Dispersion seit 2005 und Durchschnittsverläufe; 2026 bis zum verfügbaren Datenstand.

Für den Anleger
Für Anleger liegt der Nutzen in der Wiederkehr: Jede Berichtssaison bringt neue Informationen, Überraschungen und Unterschiede zwischen den Kursentwicklungen einzelner Unternehmen. Dispersionsstrategien können daraus Ertrag erzielen, indem sie Positionen in Einzelaktien- und Indexvolatilität gezielt kombinieren und von unternehmensspezifischen Bewegungen profitieren, die sich auf Indexebene teilweise ausgleichen.
Der Berichtskalender ist unabhängig von den täglichen Bewegungen und dem aktuellen Niveau der Aktien- und Rentenmärkte. Diese Ertragschance setzt weder eine bestimmte Aktienmarktrichtung noch ein bestimmtes Zinsniveau voraus. Anleger erhalten damit Zugang
zu einer zusätzlichen Ertragsquelle, deren struktureller Auslöser regelmäßig wiederkehrt. Ihr tatsächlicher Beitrag zum Portfolio hängt zugleich von den Marktbedingungen und der Positionierung ab.
Entscheidend bleibt, welche Bewegungen bereits in den Optionspreisen berücksichtigt sind. Die wiederkehrende Saisonalität der Dispersion ist den Marktteilnehmern zwar bekannt und teilweise eingepreist, bietet aber dennoch attraktive Ansatzpunkte für eine aktive Handelsstrategie. Durch einen frühzeitigen Positionsaufbau, einen ausreichend langen Anlagehorizont und eine aktive Steuerung lassen sich die saisonalen Muster gezielt nutzen. Das Verhältnis von erwarteter zu eingepreister Dispersion, die Titelauswahl, Laufzeiten, Absicherung und Kosten bestimmen dabei, wie erfolgreich sich diese wiederkehrenden Ereignisse in zusätzliche Erträge übersetzen lassen.
Tobias Knecht & Daniel Danon

