Perspectives 01.04.2026

Preisnehmer Deutschland: Warum Energieimporte zum Standortrisiko werden

PERSPECTIVES | Nr. 38

  • Deutschland ist aufgrund seiner hohen Energieimportabhängigkeit strukturell ein Preisnehmer auf den globalen Energiemärkten.
  • Energiepreisschocks wirken direkt auf Inflation, Kaufkraft und die energieintensive Industrieproduktion.
  • Die strukturelle Energieimportabhängigkeit Deutschlands sollte in der Portfoliokonstruktion berücksichtigt werden. 

Energie rückt erneut ins Zentrum geopolitischer Machtkalküle. Die jüngste Eskalation im Nahen Osten verdeutlicht, wie stark Energie­preise, Versorgungs­sicherheit und außenpolitische Handlungs­fähigkeit miteinander verknüpft sind. Für rohstoff­arme Industrie­länder 
wie Deutschland entsteht daraus ein strukturelles Risiko: Wer einen großen Teil seines Energie­bedarfs importieren muss, ist Preis­schwankungen und geopolitischen Schocks in besonderem Maße ausgesetzt.

Während die USA ihre energie­politische Stärke seit Jahren strategisch nutzen und über Fracking massiv ausbauen, bleibt Deutschland in hohem Maß von Importen abhängig. Diese Abhängigkeit beschränkt nicht nur den wirtschafts­politischen Spiel­raum, sondern erhöht auch die Verwundbarkeit gegenüber externen Energie­schocks. In Verbindung mit einer energie­intensiven Industriebasis entsteht so ein Stand­ortnachteil, der weit über kurzfristige Preis­schwankungen hinausreicht – Deutschland ist ein import­abhängiger Preisnehmer.
 

Das Ausmaß der Abhängigkeit


Diese Abhängigkeit konzentriert sich auf wenige zentrale Energie­träger. Mineralöl, Erdgas und Steinkohle werden in Deutschland nahezu vollständig importiert; bei Erdgas lag die Import­quote 2024 bei 95 Prozent, bei Mineralöl bei 98 Prozent und bei Steinkohle bei 100 Prozent. Gleichzeitig werden rund vier Fünftel des Primär­energieverbrauchs weiterhin durch ebendiese fossilen Energie­träger und heimische Braun­kohle gedeckt. Daran hat die Energie­wende bislang wenig geändert.

Im Gegenteil: Mit dem beschleunigten Atom­ausstieg nach 2011 entfiel eine inländische Energie­quelle, die zur Versorgung beitrug, ohne starke Import­abhängigkeit zu erzeugen. Kernenergie erhöht die Import­abhängigkeit tendenziell weniger stark als Öl und Gas, weil die benötigten Brennstoff­mengen klein und die Bezugs­quellen international breiter diversifiziert sind. Zwar wurden erneuerbare Energien parallel massiv ausgebaut und haben die weggefallene Kern­energie mengenmäßig im Primär­energiemix weitgehend kompensiert. Hin­sichtlich gesicherter, jederzeit verfügbarer Erzeugung blieb jedoch eine Lücke, die in Wärme­erzeugung, Industrie und Verkehr weiterhin durch fossile Energieträger geschlossen wird. Hinzu kommt, dass in Phasen geringer erneuerbarer Einspeisung – der sogenannten Dunkel­flaute – fossile Kraftwerke als Backup einspringen müssen. Das Ergebnis ist ein seit 2011 gestiegener Importanteil an der Primärenergie (siehe Abbildung 1).

Die Verwundbarkeit dieses Systems zeigte sich 2022 deutlich. Mehr als die Hälfte des deutschen Erdgases stammte zu diesem Zeitpunkt aus Russland. Mit dem Wegfall dieser Lieferungen in Folge des Ukrainekrieges mussten Bezugs­quellen kurzfristig umgestellt werden – in erster Linie auf Gasimporte aus Norwegen und auf LNG-Importe aus den USA. Der Lieferant wechselte, die Abhängigkeit blieb und die Energie­kosten stiegen.

Abbildung 1: Primärenergiemix und Importabhängigkeit Deutschlands
2000 – 2024, jeweils in Prozent der gesamten verfügbaren Primärenergie

Makroökonomische Effekte der Energieabhängigkeit


Der Preis dieser Abhängigkeit wird auf mindestens drei Ebenen bezahlt. Erstens durch Inflation: Energiepreis­schocks übersetzen sich mit bekannter Mechanik in höhere Erzeuger- und Verbraucher­preise, und zwingen die EZB zu einer Reaktion auf angebotsseitige Preis­steigerungen, die sie nicht kontrollieren kann. Zweitens durch Kaufkraft­verlust: Die deutschen Haushalte haben zwischen 2021 und 2023 real an Einkommen verloren, eine direkte Folge der Energie­rechnung, die nicht durch Lohn­erhöhungen aufgefangen werden konnte. Drittens – und besonders schwerwiegend – durch Deindustrialisierung. Die Daten zur Produktions­entwicklung in Deutschland zeigen einen deutlichen Abwärtstrend (siehe Abbildung 2). Der Output der energie­intensiven Branchen – dazu gehören Chemie, Metall und Papier – liegt seit 2023 relativ konstant rund 20 Prozent unter dem Niveau vor dem Ukraine­krieg. Die Lücke zur Gesamt­industrie, die ebenfalls unter den hohen Energie­kosten leidet, wächst, statt sich zu schließen. Das ist das Kennzeichen eines strukturellen Problems, nicht eines zyklischen. Energie­intensive Unternehmen verlagern ihre Produktion zunehmend dorthin, wo Energie erschwinglich ist. Diese Entscheidungen sind nur schwer umkehrbar. Zurück bleibt eine Volks­wirtschaft, deren industrieller Kern unter anhaltendem Kosten­druck steht und deren Export­modell an Substanz verliert. Jeder neue Energiepreis­schock beschleunigt diesen Prozess. Mögliche zusätzliche Belastungen aus der jüngsten Eskalation im Nahen Osten sind in den Produktions­zahlen naturgemäß noch nicht enthalten, dürften den Abwärts­trend jedoch weiter verstärken.

Abbildung 2: Monatliche Produktionsentwicklung der Gesamtindustrie und der energieintensiven Industriezweige in Deutschland
01/2015 – 01/2026 (2021 = 100)

Die Folgen der Eskalation im Nahen Osten


Deutschland importiert kaum direkt Energie aus dem Iran. Die eigentliche Verwund­barkeit entsteht vielmehr über die globalen Rohstoff­märkte. Jede Störung im Persischen Golf – etwa Angriffe auf Förder­anlagen, eine Sperrung der Straße von Hormus oder der Ausfall kata­rischer LNG-Terminals – kann das weltweite Angebot verknappen und die Preise für Öl und Gas deutlich erhöhen. Der Ölpreis der Sorte Brent lag kurzzeitig über USD 110 je Barrel, und damit auf einem Niveau, das an die Preis­reaktionen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erinnert. Der Gaspreis hat sich zwar ebenfalls deutlich erhöht, liegt bislang aber noch klar unter den Spitzen­werten von 2022.

Wie stark die Belastungen für die deutsche Wirtschaft am Ende ausfallen, hängt wesentlich von Dauer und Eskalations­grad des Krieges ab. Schon jetzt spricht jedoch vieles dafür, dass der zweite große Energie­preisschock innerhalb von vier Jahren die beginnende konjunkturelle Erholung in Deutschland spürbar abbremsen wird. Hinzu kommt ein ungünstiger Zeitpunkt: Während Deutschland bei Erdöl auf gesetzlich vorgeschriebene Not­reserven zurückgreifen kann, hängt die Krisen­festigkeit bei Erdgas vor allem vom Füll­stand der Gasspeicher ab. Diese lagen zu Beginn des Krieges nur bei 22 Prozent. Die Wieder­befüllung vor dem nächsten Winter dürfte daher nicht nur teurer werden, son­dern auch in direkter Konkurrenz zu asiatischen Käufern erfolgen.

Deutschland drohen bei anhaltender Eskalation rezessive Tendenzen und erneut deutlich höhere Inflations­raten. Selbst ein Waffenstill­stand würde den Preisdruck nicht sofort beseitigen. Heruntergefahrene Ölfelder am Golf benötigen Wochen bis Monate, um die Förderung wieder vollständig aufzunehmen; beschädigte LNG-Terminals in Katar dürften sogar noch längere Ausfallzeiten verursachen. Hinzu kommt die anhaltende Unsicherheit für den Schiffs­verkehr rund um die Straße von Hormus. Die geopolitischen Spannungen dürften die Energie­märkte daher auch über das unmittelbare Kriegs­geschehen hinaus belasten.
 

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Für Kapitalmarktanleger


Deutschland vereint strukturell hohe Energie­import­abhängigkeit mit einer Industriebasis, die besonders empfindlich auf steigende Ener­giepreise und relative Kosten­nachteile reagiert. In einem Umfeld, in dem geopolitische Schocks die Energie­preise wiederholt und unvor­hersehbar treiben, kann es sich für Anleger lohnen, das Portfolio-Exposure entsprechend anzupassen. Taktisch können Rohstoffpositionen und inflationsindexierte Anleihen helfen, akute Energiepreis- und Inflations­schübe abzufedern. Strategisch spricht die anhaltende Stand­ort­verwundbarkeit dafür, energie­intensive deutsche Industrie­werte selektiv unterzugewichten und Wettbewerber aus Regionen mit günstigeren Energie­kosten stärker zu berücksichtigen. Die strukturelle Verwund­barkeit Deutschlands ist kein zyklisches Phänomen – sie ist in der Portfolio­konstruktion entsprechend dauerhaft zu berücksichtigen.

 

Dieser Artikel ist zuerst online erschienen am 31.03.2026 in der Börsen-Zeitung.
 

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